Die Gemse ist die einzige Huftierart, die den Schweizerischen Nationalpark seit seiner Gründung in konstant hoher Dichte besiedelt, obschon das Ausmass kurzfristiger Bestandesschwankungen auf erhebliche Instabilität der einzelnen Populationen schliessen lässt. Die Mechanismen hinter dieser dynamischen Stabilität werden zur Zeit im von der Nationalparkdirektion initiierten Forschungsprojekt "Populationsbiologie der Gemse Rupicapra rup. rupicapra im Schweizerischen Nationalpark" untersucht. Die vorliegende Studie, basierend auf Daten aus dem Sommerhalbjahr 1999, bewegt sich im Rahmen dieses Projekts.
Empirisch entstandene Hypothesen verschiedener Autoren über Wechselbeziehungen bestandesbeeinflussender Faktoren bei Huftieren fügte ich zu einem allgemeinen Modell der natürlichen Regulation von Gemspopulationen zusammen. Im Grundsatz besagt dieses Modell, dass das soziale Umfeld der Individuen die Populationsgrösse reguliert: Je höher die Bestandsdichte ist, desto kritischer ist die Versorgungslage bezüglich Nahrungsressourcen, entsprechend aggressiver verhalten sich die Tiere. Bei knapperen Ressourcen werden deshalb mehr subordinate Individuen gezwungen, in minderwertiges Habitat auszuweichen. Der geschmälerte Fortpflanzungserfolg dieser Tiere setzt die Reproduktionsrate der gesamten Population herunter. Die Individuenzahlen sinken allmählich, und der Druck auf die Nahrungsgrundlage nimmt ab. Dieser Regelkreis findet jedoch nicht in einem geschlossenen System statt, sondern ist den Störungen der physischen Umwelt ausgesetzt. Unter Einbezug der in unterschiedlicher Konkurrenz- und Nahrungssituation lebenden Gemspopulationen "Val dal Botsch" und "Trupchun" wurde das vorgeschlagene Modell auf mehreren Beobachtungsebenen auf Widerspruchsfreiheit geprüft.
Auf den Ebenen der Populationsentwicklung und -struktur liessen beide untersuchten Bestände ein zugunsten der Weibchen verschobenes Geschlechterverhältnis erkennen. Es hat sich gezeigt, dass die an sich erhöhte Mortalität der Böcke bei vergleichsweise guter Kondition der Individuen in schneereichen Wintern zusätzlich ansteigt, während die Geissen durch unvorhergesehene Nahrungsknappheit seltener oder in geringerer Zahl an ihre Existenzgrenzen stossen. Nicht nur bei männlichen Tieren, sondern hauptsächlich auch bei Jährlingen und Kitzen erwies sich der Winter als kritische Phase. Ein verfrühter Wintereinbruch Ende September im Anschluss an einen nasskalten Sommer verursachte zahlreiche Todesfälle unter den Kitzen. In der kargen Dolomitlandschaft der Val dal Botsch zeigte sich die jüngste Gemsgeneration besonders empfindlich. Dass die Geissen gerade zu dieser Zeit die Entwöhnung von der Muttermilch vorantrieben, dürfte die "Notlage der Kitze" verschärft haben.
Auch auf der Ebene der räumlichen Verteilung erwies sich das Wetter als einflussreicher Faktor: Mit der aktuellen Niederschlagsart liess sich die Standortwahl der Gemsen zum grösseren Teil, mit der Maximaltemperatur des betreffenden Tages beinahe fehlerfrei erklären. Die Standortwahl ihrerseits wirkte gemeinsam mit der Jahreszeit auf die Grösse gemischter Geissverbände ein: Bei grösserer Offenheit des Geländes und weiter fortgeschrittenem Sommer wuchs deren Kopfzahl. Die kleinräumige Verteilung der Tiere innerhalb dieser Gruppen liess ebenfalls eine zeitliche Variabilität erkennen, erwies sich jedoch weitgehend als Funktion der beteiligten Sozialklassen. Geissen mit Kitz tendierten im Vergleich zu Geissen ohne Kitz zu kürzeren Individualdistanzen. Die Wirkung anwesender Kitze auf die Entfernung ihrer Mütter zu dritten Tieren machte deutlich, dass Kitze von Artgenossen bereits als eigenständige Individuen wahrgenommen werden. Allgemein ergaben die mittleren Abstandswerte eine ungefähr komplementäre Kurve zum Verlauf der durchschnittlichen Gruppengrösse: Ab Juli begannen sich die Individualdistanzen zu verringern. Dieses Resultat widerspiegelt sehr wahrscheinlich den Jahr für Jahr ablaufenden Prozess der sozialen Neuorganisation im Sommerstreifgebiet. Wie die Struktur der Nachbartiere verriet, sondern sich trächtige Geissen im Juni während der Setzzeit ab und stossen erst allmählich wieder zu kleineren Gruppen aus Weibchen mit ebenfalls Neugeborenen. Sukzessive schliessen sich Geissen ohne Kitz und Jährlinge diesen Verbänden an. Die Ergebnisse, dass Jährlinge im Juni wider Erwarten oft mit Geissen in Konflikt gerieten und agonistische Auseinandersetzungen in gemischten Geissverbänden im Juli am häufigsten zu beobachten waren, sprechen für dasselbe Zeitmuster sozialer Neuorganisation.
Auf der Ebene des Sozialverhaltens zeigte es sich, dass das soziale Gefälle der Weibchen im Bereich der mittleren Alters- und Rangstufen vermutlich sehr flach verläuft. Im Gegensatz dazu schälte sich bei den ranghohen und rangtiefen Tieren eine klare Hierarchie heraus. Die mehrfach beobachtete Bildung temporär stabiler Untergruppen könnte als Strategie zur Verminderung des Konfliktpotentials interpretiert werden.
Die Synthese sämtlicher Resultate liess mich zum Schluss kommen, dass die Gemspopulationen des Schweizerischen Nationalparks primär durch den dichteunabhängigen, extrinsischen Wetterfaktor und erst sekundär – wenn überhaupt – durch dichteabhängige, intrinsische Variablen limitiert werden. Der intrinsische Faktor der sozialen Organisation hat sogar eher regenerierenden Charakter. Das Sozialsystem der Gemsen ist auf einem relativ tiefen Evolutionsniveau stehengeblieben und garantiert damit rasches Abfedern erhöhter Mortalität, weil es für physiologische und ökologische Flexibilität genügend Freiraum lässt.